Ich komme aus dem Urlaub in Italien und habe mir einen dieser neuen Klassiker geholt: eine Klimaanlagenerkältung. Zwei Stunden bei 30 Grad draußen und 16 Grad drinnen am St. Gotthard gestanden und in meinen Hals stach ein Küchenmesser von der Größe einer Machete und meine Nase gab ihre Tätigkeit komplett auf. Dafür lag in der Post ein Umschlag mit einer DVD aus England, die ich vor Wochen bestellt hatte: Die neue BBC-Verfilmung der Forsyte-Saga mit Damian Lewis (Life) und Gina McKee (Notting Hill).

Was hatte mich dazu verführt, mir eine Neuverfilmung von einer uralten TV-Serie aus England zu bestellen?

Nostalgie?

Auf jeden Fall, ich lag auf dem Sofa vor dem Fernseher, den Tee an meiner Seite und die DVD auf dem Weg ins Menü und ich hatte ein Déja vu:

(Foto:thetelevisionroom.blogsport.com)

Die erste Forsyte-Saga Verfilmung der BBC. Ich habe Leute sagen hören, sie hassten den Kram. Nun lässt sich gegen Galsworthys Familienroman erst mal überhaupt nichts sagen – es ist die englische Version unserer Buddenbrooks, die Geschichte einer bürgerlichen Familie, wie sie sich aufwärts bewegt in den Adel.

Wobei die eine Hälfte der Familie, repräsentiert durch den hagestolzen Soames, alles dem Besitz unterordnet, während die andere Hälfte, repräsentiert durch den Künstler Jolyon Forsyte, meist die Liebe siegen lässt. Dabei kommen dann einige unter die Räder, vor allem die schöne Irene, geheiratet und als Besitz behandelt von Soames, geliebt und später glücklich verheiratet mit Jolyon.

(Foto: televisionheaven.co.uk)

Hier gibt´s sogar eine ausführliche Webseite:

http://www.bamby.de/1973/73Forsyte00.htm

Die Forsyte-Saga war Mitte der 60er in Deutschland eine Sensation: „die erste Fernsehserie in Deutschland, die eine komplexe und durchgehende Handlung über 26 Folgen hatte.“

Ich bin als kleines Mädchen um den Fernseher gesprungen, als das lief, wahrscheinlich hat sich meine Mutter das Programm angeschaut. Ich erinnere mich an strenges Nordlicht (also Beleuchtung von oben) bei ausgeblichenem Bild ohne Kontraste. Sowas gibt es heute nur in Farbe in Daily Soaps. Und ich erinnere mich an zwei alte Schwestern, die ihre langen Nasen ständig in die Kamera hängten – und wie der gestrenge Soames es der schönen Irene (gesprochen: Eirini, bitte) immer hübsch schwer machte.

Schnitt.

(Foto: guardian.co.uk)

Die neue Verfilmung – x-Folgen auf 4 DVDs. Normalerweise ein echter Serien-Junkie-Horror. Wann soll man sich das denn alles noch ansehen? Nach der Arbeit?

Ich aber schnaufend auf meinem Sofa hab einfach alles durchgeguckt.

Damien Lewis kannte ich aus der TV-Serie Life. Da spielt er sehr eindrucksvoll eine Art Graf von Monte Christo bei der Polizei von L.A..

Wenn man bedenkt, dass der Mann ein Eton-Boy war:

Muss seine Jugend demnach im Frack verbracht haben – und das passt zur Rolle des scheinbar gefühlskalten Soames:

Soames Forsyte ist ein Paradebeispiel für einen Antagonisten – eine Figur, die man fälschlich einen echten Bösewicht nennen könnte: Er hält seine junge Frau gefangen wie einen wertvollen Vogel im Käfig. Er sorgt dafür, dass die Familiengeschäfte wie geölt laufen und kümmert sich um Schwager, die ihr Vermögen beim Roulette herauspulvern und einen Hausbau im Grünen, der alles in den Schatten stellen soll.

Diese Figur regelt zwar alles, die einzelnen Familienmitglieder zahlen dafür aber einen hohen Preis: mit ihrem Glück.

Soames ist also eine verklemmter Pfennigfuchser, der seine Frau quält?

Die Kunst von Damien Lewis als Soames Forsyte besteht darin, aufblitzen zu lassen, was noch in dieser Figur steckt: ein Mann, der verzweifelt liebt – zuviel liebt – und nicht weiß, wie er das zeigen soll. Er kann es auf keinen Fall gegenüber seiner ersten Frau Irene, eigentlich nur gegenüber seiner Tochter Fleur.

Empfohlen sei der Roman von John Galsworthy:

http://www.amazon.de/Die-Forsyte-Saga-John-Galsworthy/dp/3492239587/ref=sr_1_4?ie=UTF8&s=books&qid=1284019085&sr=8-4

in der deutschen, und, natürlich besser, in der englischen Originalversion:

http://www.amazon.de/Forsyte-Saga-Oxford-Worlds-Classics/dp/0199549893/ref=pd_cp_b_1

Soames ist ein guter Antagonist. Warum?

Ein guter Antagonist ist ja nicht einfach ein Bösewicht, der mal eben aus Lust böse ist, wie die Keystone Cops, die Charlie Chaplin jagen oder Jabba the Hutt aus Star Wars.

Wenn der Antagonist richtig gut (geschrieben) ist, dann hat er seine eigene Wahrheit: Er will das Richtige, genauso wie der Held. Soames will Besitz anhäufen. Er lebt für  „Besitz“ – wozu er auch seine Ehefrau Irene rechnet. Das ist etwas durchaus Positives für einen Vertreter der englischen Bourgeoisie im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Nur dass das, was der Antagonist will, vielleicht nicht unbedingt allgemein als richtig angesehen wird. In der Forsyte Saga ordnet Soames sein Besitzdenken allem unter und macht so richtig alle unglücklich, soweit es ihm gelingt.

Klasse – genau der Antagonist, den wir brauchen!

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