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Joe Queenan von der englischen Zeitung Guardian hat unlängst den Finger auf die Wunde bei allen Autoren gelegt, die sich beim Schreiben mit den Errungenschaften des 21. Jahrhunderts in ihren Geschichten herumschlagen müssen:

“The movie plots that technology killed”, also: Film-Handlungen, die von der Technologie gekillt worden sind” heißt ein, zugegebenermaßen leicht ironischer Blick, auf alte Film-Plots, der auch gut für Romane gelten kann:

http://www.guardian.co.uk/film/2011/jul/28/technology-killed-film-plots-hollywood

Queenan fragt sich: Was würde heute mit der Handlung von “North By Northwest” (“Der unsichtbare Dritte”) von Alfred Hitchcock passieren? Die ganze Handlung, so Queenan, dreht sich darum, dass ein unschuldiger Werbe-Fachmann (gespielt von Cary Grant) von einer Gruppe von Dunkelmännern für einen Spion gehalten wird, den sie töten wollen.

Heute würde Cary einfach darauf verweisen, dass er in einer Firma auf der Madison Avenue arbeitet – und hier ist übrigens die Webadresse. Natürlich erkennen die bösen Jungs nach einem Blick auf ihre Smartphones ihren Irrtum, entschuldigen sich und ziehen vondannen. Undsoweiter und sofort. Madame Bovary und Effie Briest ließen sich doch heute einfach scheiden.

Im Ernst: Wo kommen heute noch Konflikte her? Jeder ist per Handy überall zu erreichen, jedermann samt Abifoto per Google oder auf Facebook aufsuchbar.

Aber es gibt sie natürlich noch die großen Konflikte. Wer sie richtig sucht, wird sie auch finden – oder?

Beim letzten Mal habe ich darüber geschrieben, wie leicht es passiert, dass wir beim Lesen oder Zuschauen Dinge hinterfragen, die uns da auf den Seiten eines Romans und in Kino oder Fernsehen entgegenkommen. (s. meinen letzten Blog:

http://autorencafe.com/2011/08/12/fehler-beim-schreiben-und-wie-man-sie-vermeiden-kann-die-rick-figur/

Hätte die Heldin nicht mit einem einzigen Telefonanruf das Missverständnis klären können, das uns jetzt die nächsten 100 Seiten an Konflikt einbringt (wohl eher der Autorin ;) )? Da sei man auf der Hut beim Schreiben.

Es gibt allerdings Dinge, da wollen wir glauben:

(Foto: filmfreek.de)

Mal ehrlich, wie blöd muss die kluge Reporterin Lois Lane sein, um nicht den Helden Superman in ihrem etwas tolpatschigen Kollegen Clark Kent zu erkennen? Wo soll es denn den Planeten Krypton geben, bitte?

(Foto: cineclub.de)

Und wie soll das bittschön funktionieren, dass ein Teenager, nachdem er von einer Spinne gebissen worden ist, plötzlich Wände hochklettern kann?

Hier funktioniert “suspension of disblief”, wie der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge es genannt hat: Man parkt einfach für eineinhalb Stunden oder für 400 Seiten seine Ungläubigkeit vor der Haustür. Wir möchten uns eben für die Dauer eines Romans oder eines Films nicht unseren Kunstgenuss durch schnöde Logik oder Wissenschaft verderben lassen.

Dann sei es eben so, dass Spidey senkrechte Wände hochklettern kann und Superman vom Krypton gekommen ist, um uns immer wieder zu retten. Und Lois hat eben die Augen verkleistert, weil sie in Superman verschossen ist.

Der stark wissenschaftlich aufgemachte Artikel bei Wikipedia namens “Willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit” ist hier zu finden: http://de.wikipedia.org/wiki/Willentliche_Aussetzung_der_Ungl%C3%A4ubigkeit

Es ist mal wieder passiert: Ich habe mich über einen Film geärgert. Hätte aber genauso auch ein Buch sein können.

(Foto: kommunales-kino-pforzheim.de Kristin Scott Thomas und Sergi Lopez)

Ich sah neulich im Fernsehen den französischen Film “Die Affäre” der französischen Regisseurin Catherine Corsini. Der Film ist grundsätzlich wunderbar gemacht: französischer Süden, eindrucksvolle Darsteller, große, echte Gefühle.

Kristin Scott Thomas spielt die leicht frustrierte Hausfrau und Mutter Suzanne, die wieder ins Berufsleben einsteigen will. Beim Umbau des Hauses verliebt sie sich in den spanischen Bauarbeiter Ivan (Sergi López).

Sie haben eine leidenschaftliche Affäre, von der sie auch ihrem Ehemann erzählt. Es gibt gewalttätigen Ehestreit, Suzanne zieht aus, bekommt keine Arbeit, der Ehemann sperrt die gemeinsamen Konten. Suzanne sieht sich gezwungen, wieder nach Hause zu ihrem Mann zu ziehen, obwohl sie Ivan weiter liebt. Am Schluss erschießt sie ihren Ehemann mit einem Gewehr.

Mir war klar, hier habe ich es mit einer schönen französischen “amour fou”, einer verrückten Liebe(sgeschichte)  zu tun – aber ich kam emotional in der zweiten Hälfte des Films nicht ganz mit.

Wie im Kasperletheater saß ich vorm Fernseher und gröhlte: “Ruf einen Rechtsanwalt an, Frau! Warum rufst du nicht einen Rechtsanwalt an? Dann bekommst du Alimente und musst auch deinen doofen Mann nicht erschießen.”

Es hatte mich schlicht aus der Kurve getragen, ich konnte dem Film nicht mehr mit Empathie folgen.

Fernsehen mag ja oft blöd sein, aber manchmal gibt es da gute Ideen, die Autoren beim Schreiben weiterhelfen. Oft geht es nur um ein, zwei Sätze.

(Foto: fiftiesweb.com, Tom Sellek als Magnum mit seinen Freunden Larry Manetti als Orville “Rick” Wright (links) und Theodore Calvin als T.C.)

In der TV-Serie “Magnum” ließen  die Autoren immer den Barbesitzer und Freund Rick auftreten, wenn es Stoffprobleme gab. Rick fragte dann immer genervt “Magnum, warum hast du nicht einen Rechtsanwalt gefragt?” Dann konnte Magnum kurz oder lang und breit erklären, warum das nicht ging – und die Sache war (meistens) im Lot.

Die “Shrek”-Autoren Terry Rossio & Ted Elliott  nennen diese skeptische Figur, die den Helden wegen seiner unlogischen Handlungsweise konfrontiert, sogar “die Rick-Figur” – nach Rick in “Magnum”.

Kleiner Dreh, große Wirkung.

Habt ihr andere Beispiele?

Wobei es ja auch noch die Unterdrückung der Ungläubigkeit gibt, “suspension of disbelief”, aber davon ein anderes Mal.

Kathrin Sebens

(Foto: bbc.co.uk Mma Ramotswe (Jill Scott)  mit ihrem Nachbarn, dem Friseur)

Wie ist das, wenn eine Romanfigur, die man sehr gerne mag, plötzlich  im TV vor einem auftaucht? Ich habe gestern auf Arte die erste Folge von ” Eine Detektivin für Botswana” gesehen. Es ist die erste Folge der Verfilmung der Krimi-Reihe von Alexander McCall Smith.

Der Schotte, der lange Zeit in Afrika gelebt hat, lässt darin die patente Enddreißigerin Mma Ramotswe ihre Fälle mit viel Gelassenheit lösen. – und viel Herz für die Betroffenheit, ja manchmal auch für die Täter.

Es geht hier nicht so um rauchende Colt und dunkle Straßenecken – das geben die wunderbar knalligen Farben Botswanas gar nicht her – gut so. Die gestandene Mma Ramotswe regelt die Dinge auf ihre Art.

Wer sich übrigens gefragt hat, was der Autor und Regisseur Richard Curtis (“Notting Hill”, “Vier Hochzeiten und ein Todesfall” eigentlich so macht – er ist mit Autor und Regisseur Anthony Minghella (“Der englische Patient”, “die Vorleserin”) für diese Serie verantwortlich, die in England von der BBC ausgestrahlt wird.

Die Serie läuft noch bis zum 25. August Donnerstag um 20.15 Uhr – wiederholt wird sie jeweils am Freitag um 14.45 Uhr.

Mehr bei Arte:

http://www.arte.tv/de/4018764,CmC=4006924.html

Zu den Romanen von Alexander McCall Smith: Der erste Fall von Mma Ramotswe scheint auf Deutsch leider nur noch in Restexemplaren zu bekommen zu sein. Er heißt auf jeden Fall “Ein Krokodil für Mma Ramotswe: Der erste Fall der “No.1 Ladies’ Detective Agency” und war im Bastei Lübbe Verlag erschienen. Schade, dass man da im Verlag die Fernsehserie verpennt hat. Das wäre eine Gelegenheit gewesen, die Bände mit neuen Covers wieder aufzulegen. Ich hasse nichts mehr, als in eine Reihe bei Band drei einzusteigen, oder? Die späteren Bände sind scheinbar noch erhältlich. Die englische Version ist auf jeden Fall zu bekommen:

The No. 1 Ladies’ Detective Agency

http://www.amazon.de/No-Ladies-Detective-Agency/dp/034911675X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1312526858&sr=8-

Es lohnt sich: McCall Smith hat mit Mma Ramotswe und ihren Freunden einzigartige Figuren geschaffen – gerade im ersten Band der Reihe habe ich mich selten gleichzeitig so amüsiert und mich gegruselt.


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